8. Mai: Ein Fest der Befreiung

„Wer nicht feiert, hat verloren!“

„Sie wollten den totalen Krieg haben. Wir haben ihnen gegeben worum sie gebettelt haben.“ – Sir Arthur Harris

Am 8. Mai 2010 jährt sich zum 65. Mal die Zerschlagung der nationalsozialistischen Herrschaft. An diesem Tag feiern wir die Niederlage des deutschen Reiches, das Ende von Mord und Unterdrückung, die Befreiung der Gefangenen aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern – und trauern um die Ermordeten der Shoah. Ebenso trauern wir um die ermordeten Homosexuellen, Roma und Sinti, Euthanasie-Opfer, „Asozialen“ und politischen Gegner_innen des Nationalsozialismus. Am 8. Mai feiern wir diejenigen und danken denjenigen, die diesem Treiben ein Ende setzten. Gleichzeitig bleibt aber das Entsetzen, dass die Niederlage der Nazis um so vieles zu spät erfolgte und dass essenzielle „Errungenschaften“ des NS bis heute weiterbestehen.

Die Alliierten, welche in Österreich und Deutschland 1945 die Einführung einigermaßen zivilisierter Zustände erzwangen, werden immer noch als Besatzer_innen und nicht als Befreier_innen gesehen. Die personelle Kontinuität nach 1945, das Buhlen der Parteien um die Stimmen der „Ehemaligen“ ist bloß ein Symptom für die ideologische Kontinuität. Resultate des NS, wie die Stiftung einer Volksgemeinschaft, ihre innige Beziehung zum Staat, sowie dürftige Bemühungen, offenen Antisemitismus durch andere Formen wie den Antizionismus zu verdecken, bestimmen den Charakter der Nachfolgestaaten. Das Schweigen über die eigene Beteiligung an der Shoah wirkt einigend und entlastend; die Behauptung, erstes Opfer des Nationalsozialismus gewesen zu sein, wurde zur Gründungslüge Österreichs, die vor allem gegen die Überlebenden der Verfolgung oft in Stellung gebracht wurde und noch immer wird.

Während die österreichische Öffentlichkeit gar nichts bis wenig zum 65. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus zu sagen hat – positive Ausnahme davon bildet die antifaschistische Befreiungsfeier in Klagenfurt – sind die Einzigen, die am 8. Mai öffentliche Gedenkveranstaltungen abhalten, Rechtsextreme, Burschenschaften und Neonazis, die der untergegangenen Volksgemeinschaft hinterher trauern. So kündigt die neonazistische NVP rund um Robert Faller einen sogenannten „Trauermarsch“ in Oberösterreich an, ein neonazistisches Spektakel, das der rechtsextremen Szene in Oberösterreich eine weitere Möglichkeit zur öffentlichen Verherrlichung des Nationalsozialismus bietet. Doch auch in der „Weltstadt“ Wien findet das jährliche Totengedenken, organisiert vom Wiener Korporationsring (WKR), statt. Die deutsch-völkischen bis rechtsextremen Männerbünde begehen den 8. Mai als „Tag der totalen Niederlage“, als Redner treten immer wieder hochrangige FPÖ-Politiker in Erscheinung, wie H.C. Strache (2004) oder der Europaparlamentarier Andreas Mölzer (2006). Dabei zeigt sich die Funktion rechtsextremer Burschenschaften als Bindeglied zwischen der parlamentarischen FPÖ und der militanten Neonazi-Szene. So finden sich unter den Zuhörer_innen bekannte Neonazigrößen wie etwa der Ex-VAPO-Führer Gottfried Küssel. Er gilt als einer der engsten Vertrauten des vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsextrem eingestuften Horst Jakob Rosenkranz, Ehemann der FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz, die sich der öffentlichen Unterstützung durch die NVP gewiss sein kann, liege sie ja „voll auf NVP-Linie“. Am 8. Mai zeigt sich, was in Österreich Normalität heißt: Der Ausdruck eines vollständigen Fehlens einer von den Alliierten betriebenen Reeducation, eines der wesentlichsten Unterschiede zur BRD.

Das wesentliche Merkmal des NS war der rassische Vernichtungsantisemitismus in Verbindung mit völkischem Gedankengut. Vom Großbürger_innentum bis zur Arbeiter_innenklasse – alle waren mit dabei: Zuschauen, wegschauen, mitmachen, wegmachen. Im Antisemitismus kam die Volksgemeinschaft zu sich selbst. Nach 1945 wurde das „Wegmachen“ zwar von den Alliierten gestoppt, die ideologische Basis des Antisemitismus blieb aber erhalten. Das zeigt sich auch heute noch etwa im vergangenen FPÖ-Wahlkampf in Vorarlberg an Wirtshaustischen und in Internetforen. Gerade weil offener Antisemitismus aber in zivilisierteren Regionen Österreichs mittlerweile nicht mehr zum guten Ton zählt, kam es zur Herausbildung neuer Erscheinungsformen, z.B. des „sekundären Antisemitismus“, der vor allem der Abwehr der „eigenen“ Schuld dient: Jüdinnen und Juden werden nun dafür kritisiert, immerzu von der Shoah zu sprechen und ständig Entschädigungen zu verlangen, anstatt einmal einen „Schlussstrich“ zu ziehen und „die Vergangenheit ruhen zu lassen“. Besonders offensichtliches Beispiel ist der antisemitische Reflex des Kunstsammlers Rudolf Leopold, dessen „Sammlung Leopold“ sich weigerte, arisierte Kunstwerke an ihre jüdischen Besitzer_innen zurückzugeben, denn: „Diesen Leuten [d.h. den Juden, Anm.] geht es nur ums Geld.“

Der „sekundäre“ Antisemitismus wird auf internationaler Ebene durch den Antizionismus ergänzt. Jenem Staat, der nicht zuletzt als Konsequenz aus der Shoah gegründet wurde, um Jüdinnen und Juden relative Sicherheit vor dem weltweiten Antisemitismus zu bieten, schlägt als dem „Juden unter den Staaten“ weltweiter Hass entgegen. Dabei bedient sich der Antizionismus ganz ähnlicher Stereotypen wie der Antisemitismus. Werden die Juden und Jüdinnen als abstrakt, entwurzelt, hinterlistig und künstlich imaginiert, so betrachtet der Antizionismus Israel als einen „künstlichen“, nicht „organisch gewachsenen“ – sprich unnatürlichen – Staat (gerade so, als ob es überhaupt irgendwelche natürlichen Staaten gäbe), der sich nur aufgrund besonderer Skrupellosigkeit, Unterdrückung und seiner diversen Lobbys halten könne. Der arabische, palästinensische und islamische Antisemitismus wird als „natürliche Reaktion“ gegen die israelischen Niederträchtigkeiten betrachtet, ohne dessen pathologische Züge auch nur ansatzweise erkennen zu wollen. Der kleine palästinensische Bub, der alleine mit Steinen gegen die herannahenden IDF-Panzer kämpft, bietet die ideale Projektionsfläche für linke wie rechte Revolutionsromantik. Auch für postkoloniale „Feminist_innen“ ist was dabei: Die Gleichberechtigung der Hamas kennt keine Grenzen – auch Frauen dürfen sich in die Luft sprengen. At least the subaltern can bomb.

Im internationalen Politikbetrieb herrscht strikte Arbeitsteilung: Während das Terrorfundraising von supranationalen Organisationen wie der EU übernommen wird, liefern die Sharia-Rackets des UNO-“Menschenrechts“rates1 die legistischen Grundlagen und „unabhängige“ NGOs wie Amnesty International oder Human Rights Watch das passende Datenmaterial mit Statistiken, Fotos und Coverstories für Funk und Fernsehen – um Israel das vorzuwerfen, was jeder andere Staat, der einer ähnlichen Situation der permanenten Bedrohung ausgesetzt wäre, genauso machen würde. Dass Israel als besonders hinterhältig und bösartig dargestellt und angesehen wird, ist dabei völlig unabhängig vom empirisch beobachtbaren Verhalten Israels. Wer es darauf anlegt, wird immer etwas finden, mittels dessen die Beweisführung gelingt, dass Israel der eigentlich Schuldige am ganzen Nahost-Desaster sei und dass man mit Hamas und anderen Terrororganisationen verhandeln müsse – immerhin seien sie ja „demokratisch“ legitimiert.2

Die eigentlich existentielle Bedrohung für Israel geht derzeit aber von der islamischen Republik Iran aus, deren Atomwaffenprogramm sich immer mehr seinem Ziel nähert. Das führt aber nicht zu entschlossenen Schritten gegen die von den Mullahs geplante Vernichtung. Angesichts dieser globalen antisemitischen Bedrohung stellt unbedingte Solidarität mit Israel als dem Staat der Shoah-Überlebenden und als potentielle Schutzmacht von Jüdinnen und Juden weltweit die notwendige Konsequenz dar, damit der Imperativ „Nie wieder Auschwitz“ nicht zu einer hohlen Phrase verkommt. Es ist bezeichnend, dass dies gerade in Österreich immer wieder gefordert werden muss und bei weitem keine Selbstverständlichkeit ist.

Der 8. Mai soll als jener Tag erinnert werden, an dem das groß angelegte nationalsozialistische Projekt zur Vernichtung von Menschen um der Vernichtung Willen erfolgreich zurückgedrängt worden ist. Wir erinnern daher an den Einsatz der US-amerikanischen und britischen Streitkräfte, der französischen Resistance, der Partisan_innenverbände, der Deserteur_innen und der Widerstandskämpfer_innen, die gegen das nationalsozialistische Regime kämpften. Wir erinnern im Besonderen an den Einsatz der Roten Armee, die mit ihrem Beitrag zur Befreiung die größten Opfer hinnehmen musste. Aus diesem Grund treffen wir uns beim Denkmal der Roten Armee am Schwarzenbergplatz, um die militärische Niederlage des Nationalsozialismus zu feiern und gleichzeitig daran zu erinnern, dass die Möglichkeit der Barbarei ebenso fortbesteht wie die Verhältnisse, die sie schon einmal hervorbrachten.

Dennoch: Einmal war der Weltgeist auf unserer Seite und hat den Müllers und Maiers in Stalingrad und in der Normandie die Herrenmenschenphantasien mit Gewalt vorläufig ausgetrieben und die Welt vor noch Schlimmeren bewahrt.

In diesem Sinne: Wer nicht feiert, hat verloren! NS-Kontinuitäten brechen!

  1. Er heißt tatsächlich so, obwohl er genau das Gegenteil von dem betreibt, was sein Name suggeriert, was aber kein Wunder ist, wo doch die Mehrzahl seiner Mitgliedsstaaten seinen Bürger_innen noch nicht einmal die basalen Grundrechte gewährt. [zurück]
  2. Würde eine derartige – rein auf die formale Legitimität ausgerichtete – Argumentation auch z.B. auf die FPÖ angewendet werden, die ja genauso „demokratisch“ legitimiert ist, würden Linke – ganz zurecht – laut aufheulen. Bei der Hamas ist so eine Argumentation hingegen plötzlich völlig in Ordnung. [zurück]